Abstand im Seelisbergtunnel – warum wenige Meter über Sicherheit entscheiden
Täglich nutzen Pendler, Ferienreisende und Transitverkehr den Seelisbergtunnel. Enge Raumverhältnisse, gleichmässige Beleuchtung und eine monotone Umgebung verändern die Wahrnehmung am Steuer. Eine häufig unterschätzte Gefahr ist dabei ein zu geringer Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Zu dichtes Auffahren kann im Tunnel schnell zu kritischen Situationen führen.
Der folgende Artikel zeigt, warum ausreichender Abstand zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine sichere Durchfahrt gehört.
Warum Abstand im Tunnel anders wirkt als im Freien
Tunnel verändern die Wahrnehmung stärker, als vielen bewusst ist. Auf offener Strasse helfen Landschaft, Gebäude oder Strassenränder dabei, Geschwindigkeit und Distanzen intuitiv einzuschätzen. Im Tunnel fehlen solche Bezugspunkte weitgehend. Die gleichmässige Beleuchtung und die parallel verlaufenden Wände vermitteln ein Gefühl von Stabilität, obwohl sich die Geschwindigkeit nicht verändert. Gleichzeitig wirkt der Verkehrsraum enger, was unbewusst dazu führen kann, näher aufzuschliessen.
Hinzu kommt der sogenannte Monotonie-Effekt: Die Umgebung verändert sich kaum, wodurch die Aufmerksamkeit sinken kann. Viele Fahrende wechseln unbewusst in einen Automatismus. In solchen Momenten wird der Abstand häufig kleiner, ohne dass es aktiv bemerkt wird.
Reaktionszeit und Bremsweg – unterschätzte Faktoren
Zwischen Wahrnehmung und Reaktion vergeht immer Zeit. Die durchschnittliche Reaktionszeit liegt bei rund einer Sekunde. Bei 80 km/h legt ein Fahrzeug in dieser Zeit über 20 Meter zurück – noch bevor gebremst wird. Erst danach kommt der eigentliche Bremsweg hinzu, der je nach Fahrbahnzustand deutlich variieren kann.
Auch im Tunnel können Strassenverhältnisse unterschiedlich sein. Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen oder Abrieb beeinflussen die Haftung. Selbst kleine Unterschiede wirken sich bei höherem Tempo stark aus. Wer zu dicht auffährt, hat kaum Reserven für unerwartete Situationen. Schon ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit kann ausreichen, um eine Kollision auszulösen.
Warum Auffahrunfälle im Tunnel besonders gefährlich sind
Auffahrunfälle gehören zu den häufigsten Unfallarten im Tunnel. Der begrenzte Raum erschwert Ausweichmanöver, gleichzeitig reagieren nachfolgende Fahrzeuge oft zeitverzögert. Dadurch können Kettenreaktionen entstehen, die sich innerhalb weniger Sekunden ausbreiten.
Kommt es zu einem Unfall, sind auch die Folgen komplexer. Der Verkehrsraum ist eingeschränkt, Rettungswege sind klar vorgegeben und Rückstaus können sich rasch bis vor die Portale ausdehnen. Dadurch entstehen zusätzliche Risiken, etwa durch abruptes Bremsen im Einfahrtsbereich oder stockenden Verkehr ausserhalb des Tunnels.
Häufige Ursachen für zu geringen Abstand
Dass der Abstand im Tunnel oft kleiner wird, hat mehrere Gründe. Ein wichtiger Faktor ist Gewöhnung. Wer die Strecke regelmässig fährt, entwickelt Routine und unterschätzt Risiken eher. Auch dichter Verkehr spielt eine Rolle: In Kolonnen entsteht leicht ein sogenannter „Tunnel-Sog“, bei dem Fahrzeuge enger aufrücken.
Zeitdruck oder Ablenkung verstärken diesen Effekt. Navigationsgeräte, Gespräche im Fahrzeug oder kurze Blicke auf Displays reichen aus, um Distanzen falsch einzuschätzen. Hinzu kommt, dass Geschwindigkeit im Tunnel oft langsamer wahrgenommen wird, als sie tatsächlich ist. Auch erfahrene Fahrerinnen und Fahrer sind davor nicht gefeit.
Wie viel Abstand im Tunnel sinnvoll ist
Als einfache Orientierung gilt die Zwei-Sekunden-Regel. Der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug sollte so gross sein, dass mindestens zwei Sekunden zwischen dessen Vorbeifahrt an einem festen Punkt und dem eigenen Passieren liegen. Im Tunnel lässt sich das gut an Markierungen oder Beleuchtungselementen abschätzen.
Bei Nässe, dichtem Verkehr oder eingeschränkter Sicht sollte der Abstand zusätzlich vergrössert werden. Gerade bei Kolonnenfahrten lohnt es sich, bewusst mehr Raum zu lassen. Dieser Sicherheitsbereich wirkt wie ein Puffer und schafft Zeit für Reaktionen. Wichtig ist auch, den Abstand nach Beschleunigungsphasen wieder aktiv aufzubauen.
Verhalten bei plötzlichen Bremsmanövern
Kommt es im Tunnel zu abruptem Bremsen, ist ruhiges und vorausschauendes Handeln entscheidend. Mit ausreichend Abstand lässt sich frühzeitig vom Gas gehen und die Geschwindigkeit kontrolliert reduzieren. Gleichmässiges Bremsen hilft, nachfolgende Fahrzeuge zu warnen und Kettenreaktionen zu vermeiden.
Wichtig ist, die Verkehrsdynamik aufmerksam zu beobachten. Bremslichter in der Ferne oder Veränderungen im Verkehrsfluss sind oft erste Hinweise. Hektische Spurwechsel sollten vermieden werden, da sie im engen Tunnelraum zusätzliche Risiken schaffen. Nach einem Bremsvorgang empfiehlt es sich, den Sicherheitsabstand wieder bewusst herzustellen.
Rolle moderner Fahrzeugtechnik
Moderne Assistenzsysteme können helfen, den Abstand einzuhalten. Abstandsregeltempomaten oder Notbremsassistenten unterstützen dabei, kritische Situationen früher zu erkennen. Dennoch ersetzen technische Systeme nicht die eigene Aufmerksamkeit. Sensoren können eingeschränkt reagieren, und auch Assistenzsysteme haben physikalische Grenzen.
Fazit: Sicherheitsabstand schafft Zeit zum Reagieren
Ausreichender Abstand gehört zu den einfachsten und zugleich wirksamsten Sicherheitsmassnahmen im Seelisbergtunnel. Die besondere Umgebung verändert Wahrnehmung und Reaktionsmöglichkeiten stärker, als es auf den ersten Blick erscheint. Schon wenige Meter können darüber entscheiden, ob eine Situation kontrollierbar bleibt oder eskaliert. Bewusst eingehaltene Distanz schafft mehr Zeit zum Reagieren und hilft, Kettenreaktionen zu vermeiden. Eine sichere Tunneldurchfahrt beginnt daher mit einer einfachen Entscheidung: genügend Raum lassen – für sich selbst und für alle anderen Verkehrsteilnehmenden.
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